@NINHOTLINE

Nine Inch Nails

By Christoph Dallach for kulturSPIEGEL on October 1, 1999

Er gilt als amerikanisches Rock-Idol der neunziger Jahre. Aus Verehrung stecken ihm seine Fans sogar tote Ratten in den Briefkasten.

Das Haus, das ihm der Immobilienmakler drau�en in den Hollywood Hills anbot, sei "eine Perle": im Ranchstyle gebaut, idyllisch, und von der Terrasse aus habe man einen phantastischen Panoramablick �ber die H�gel. Und was Trent Reznor, damals ein zwar angesehener, aber weithin unbekannter Rockmusiker, am meisten �berzeugte, war die niedrige Miete f�r das H�uschen am Cielo Drive 10050. Mit der ganzen Wahrheit r�ckte der Makler erst am Ende heraus. "In diesem Haus hatte Charles Mansons Family die Schauspielerin Sharon Tate und deren Freunde umgebracht", sagt Reznor.

Er zog trotzdem ein, baute das Wohnzimmer zum Studio um und produzierte dort Musik, die klingt, als wenn er in jener Horrornacht vor 30 Jahren heimlich zugeschaut h�tte: "Ich h�tte diese Platte nicht in einem Reihenhaus machen k�nnen!"

"The Downward Spiral" hei�t sie und h�rt sich auch heute noch an wie ein w�ster H�llenritt: Elektro-Rhythmen rasen, Gitarren dr�hnen, und Reznor singt so finstre Texte, dass sogar unverbesserliche Frohnaturen miese Laune kriegen.

F�nf Millionen Mal hat sich die Platte, die das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" zum "Meilenstein der Neunziger" erkor, seitdem verkauft, Reznor gilt heute als Teenie-Idol. Der Preis, den Reznor f�r den Erfolg zahlen musste, war hoch: Drau�en auf dem Cielo Drive fuhren Sightseeing-Busse vorbei, schwarz gewandete Fans steckten ihm tote Ratten als Ausdruck ihrer Verehrung in den Briefkasten. "Nichts ist so unheimlich wie Erfolg: Du traust keiner Seele mehr, am wenigsten dir selbst!" Die Schaffenskrise �berbr�ckte er mit Auftragsarbeiten f�r das Gruftie-Idol Marilyn Manson sowie mit Soundtracks f�r die Regisseure Oliver Stone und David Lynch. Und weil auch danach die Ideen fehlten, musste zum zweiten Mal ein Immobilienmakler in den Lauf der Rockgeschichte eingreifen.

Diesmal verschlug es Reznor in ein Bestattungsinstitut in New Orleans. "Zugegeben, das klingt wie ein billiger PR-Trick", erkl�rt er, "aber der Schnitt des Hauses kommt meinen Anspr�chen sehr entgegen � au�erdem sind die R�ume herrlich k�hl."

Vielleicht liegt es an den R�umen, vielleicht auch nur an der gem�chlichen Atmosph�re der Stadt � "The Fragile", das dritte Album, ist ein �berraschend zahmes und ruhiges Werk geworden. Dass es trotzdem sofort die US-Hitparade eroberte, sei, sagt Reznor, vor allem der zahmen Konkurrenz zu verdanken. "Der Rock'n'Roll hat den Biss verloren, und es gibt nun mal nichts Schlimmeres als Unterhaltung f�r die ganze Familie."

Transcribed by Keith Duemling

View the NIN Hotline article index